Born to lead? Oder auch: Liegt Führung in deinen Genen?

Es ist eine dieser Fragen, die sofort polarisiert. Sind Führungspersönlichkeiten geboren oder gemacht? Die einen glauben fest an das angeborene Charisma, die anderen halten Führung für reine Übungssache.

Die Wissenschaft gibt eine Antwort, die beide Lager etwas enttäuschen wird. Führung ist teilweise erblich. Aber eben nur teilweise. Und genau dieser Anteil ist viel kleiner, als die meisten vermuten.

Was das konkret heißt und warum gerade dieser kleine genetische Anteil für deinen Arbeitsalltag spannend ist, schauen wir uns jetzt an.

Die Born-to-lead-Studie

2012 untersuchte eine große Zwillingsstudie genau diese Frage. Das Ergebnis überrascht vielleicht. Ob du eine Führungsposition einnimmst, ist zu etwa 24 Prozent erblich bedingt.(1)

Die Forschenden gingen noch einen Schritt weiter und suchten nach konkreten genetischen Varianten, die bei Führungspersonen häufiger auftraten. Und sie wurden fündig.

Eine Veränderung im CHRNB3-Gen war in der Studie signifikant damit assoziiert, eine Führungsposition innezuhaben. Für alle, die es genau wissen wollen, es handelt sich um das A-Allel des SNPs rs4950. Dieses Gen kodiert einen neuronalen Acetylcholin-Rezeptor, also genau den Botenstoff, der für Aufmerksamkeit, Lernfähigkeit und Gedächtnis zuständig ist. Dass ausgerechnet dieses Gen mit Führung in Verbindung steht, ist biologisch betrachtet nicht völlig überraschend.

An dieser Stelle möchte ich ehrlich mit dir sein, denn Genauigkeit ist mir wichtig: Der Befund wurde innerhalb derselben Studie an einer zweiten Stichprobe geprüft und bestätigte sich dort in abgeschwächter Form. Das macht ihn stabiler als viele Einzelbefunde. Eine echte unabhängige Replikation durch eine andere Forschungsgruppe steht bis heute allerdings aus.(1) Spätere Untersuchungen zu verwandten Eigenschaften fanden zudem ganz andere Varianten.(2)

Heißt das jetzt, du kannst in deine Gene schauen und sicher wissen, ob du zur Führungskraft geboren bist?

Leider nein. Die Eigenschaft, eine Führungsposition zu haben, wird von vielen verschiedenen Genen beeinflusst. Der gefundene SNP ist nur einer von vielen. Die Genetik zeigt eine Tendenz, keine Garantie.

Und hier wird es für mich richtig spannend. 24 Prozent sind genetisch bedingt. Die restlichen 76 Prozent sind Erfahrung, Umfeld, Entscheidungen und Lebensstil. Genau das ist Epigenetik. Deine Gene legen eine Grundlage. Was du daraus machst, bestimmt das Ergebnis.

Ich selbst habe übrigens einmal die Leadership-Variante und einmal die normale Variante dieses Gens. Eine echte Teils-teils-Person.

Die COMT und das Ding mit dem Dopamin

Wenn wir über Führung im Alltag sprechen, ist ein anderes Gen viel praktischer relevant als das “Leadership-Gen” selbst. Es heißt COMT.

Die COMT, ausgeschrieben Catechol-O-Methyltransferase, ist ein Enzym, das Botenstoffe wie Dopamin im präfrontalen Cortex abbaut. Das ist die Hirnregion, die für Konzentration, Entscheidungen und das Arbeiten unter Druck zuständig ist. Vereinfacht gesagt reguliert die COMT, wie lange Dopamin in diesem Bereich aktiv bleibt.

Es gibt eine bekannte Variante, den sogenannten Val158Met-Polymorphismus. In der Forschung werden hier zwei Typen unterschieden, etwas plakativ Warrior und Worrier genannt. Die Met-Variante baut Dopamin langsamer ab. Das geht in entspannten Situationen oft mit besserer Konzentration und Arbeitsgedächtnisleistung einher. Unter akutem Stress kann dieser Vorteil allerdings kippen und betroffene Personen sind schnell “drüber”. Die Val-Variante hingegen baut Dopamin schneller ab. In Ruhe ist die Leistung dadurch eher durchschnittlich, unter Druck bleibt sie aber stabiler.(3)

Wichtig ist mir hier die wissenschaftliche Ehrlichkeit. Diese Befunde sind interessant, aber nicht in Stein gemeißelt. Die Effekte sind klein und je nach Studie unterschiedlich.(4). Es gibt keinen direkten Nachweis, dass die COMT darüber entscheidet, ob jemand führt. Was sie beeinflussen könnte, ist die Frage, unter welchen Bedingungen du deine beste kognitive Leistung abrufst.

Und genau das ist für deinen Arbeitsalltag wertvoll. Wenn du zu den Menschen gehörst, die in ruhigen, fokussierten Phasen aufblühen und unter Dauerdruck eher den Faden verlieren, dann lohnt es sich, deinen Kalender danach auszurichten. Plane deine anspruchsvollste Denkarbeit in geschützte Blöcke ohne Unterbrechung. Reduziere die Zahl der Last-Minute-Situationen, in denen du Höchstleistung erzwingen musst. Wenn du dagegen merkst, dass du unter Druck regelrecht aufdrehst, kannst du diese Phasen bewusst für deine wichtigsten Entscheidungen nutzen.

Die MAO-A und das Thema mit der Dominanz und Aggressivität

Ein zweites Gen, das in diesem Zusammenhang oft genannt wird, ist die MAO-A, die Monoaminoxidase A. Auch sie ist ein Enzym, das Botenstoffe abbaut, in diesem Fall Serotonin, Dopamin und Noradrenalin.

Es gibt Varianten mit niedrigerer und höherer Aktivität. Die niederaktive Variante hat in der Öffentlichkeit einen reißerischen Spitznamen bekommen, das sogenannte Warrior-Gen. Warum? Weil manche Menschen mit dieser Variante durchsetzungsstärker, dominanter, aber auch aggressiver sind. Dieser Name ist allerdings irreführend. Die Forschung zeigt nämlich etwas Differenzierteres. Ein Effekt dieser Variante auf Durchsetzungsstärke oder impulsives Verhalten zeigt sich vor allem dann, wenn bestimmte Umweltbedingungen dazukommen, etwa starke Provokation oder belastende frühe Erfahrungen.(5) Die Variante allein sagt wenig aus.

Auch hier gilt, und das ist mir wichtig zu betonen, es gibt keinen Beleg dafür, dass die MAO-A bestimmt, ob jemand führt. Was diskutiert wird, ist ein möglicher Einfluss auf die Art, wie stark du auf Reize und Spannungen reagierst.

Für den Arbeitsalltag heißt das, es geht nicht um gut oder schlecht, sondern um Passung. Wenn du zu intensiven Reaktionen neigst, kann es ein echter Hebel sein, deine Umgebung bewusst reizärmer zu gestalten. Klare Strukturen, weniger ständige Erreichbarkeit und ein Umgang mit Konflikten, der nicht im Affekt stattfindet, sondern mit etwas zeitlichem Abstand. Deine Reaktionsneigung ist dann keine Schwäche, sondern eine Information, mit der du arbeiten kannst.

Tl;dr: Deine Genetik ist eine Grundlage, kein Schicksal

Wenn du eine Sache aus diesem Text mitnimmst, dann bitte diese: Genetik ist bei Führung ein kleiner Einflussfaktor, nicht der Entscheidende. Der größte Teil dessen, wie du führst und arbeitest, liegt in deiner Erfahrung, deinem Umfeld und deinen Entscheidungen.

Dazu kommt, dass die Wissenschaft hier noch lange nicht am Ende ist. Viele Befunde sind vorläufig, einige warten noch auf unabhängige Bestätigung. Wer dir erzählt, ein Gentest könne dir sicher sagen, ob du zur Führungskraft taugst, verkauft dir etwas, das die Forschung nicht hergibt.

Und trotzdem lohnt es sich, deine genetischen Tendenzen zu kennen. Nicht um dich in eine Schublade zu stecken, sondern um deinen Arbeits- und Führungsstil bewusster auszurichten. Wenn du weißt, unter welchen Bedingungen dein Kopf am besten arbeitet und wie du auf Druck reagierst, kannst du deinen Alltag so gestalten, dass du nicht gegen deine Biologie ankämpfst, sondern mit ihr. Genau das ist die Grundlage für nachhaltige Leistungsfähigkeit, also für eine Performance, die dich nicht auf Dauer auslaugt.

Deine Gene legen die Grundlage. Was du daraus machst, bestimmst du.

Lust, deinen eigenen Bauplan kennenzulernen?

In meiner Genetikberatung schauen wir uns gemeinsam an, wie dein Körper genetisch auf Stress, Fokus und kognitive Leistung ausgelegt ist. Daraus leiten wir konkrete Ansatzpunkte für deinen Arbeits- und Führungsalltag ab. Schreib mir gerne eine Nachricht, wenn du mehr darüber wissen möchtest.

Alles Liebe,
deine Eva

Quellen:

  1. De Neve, J.-E., Mikhaylov, S., Dawes, C. T., Christakis, N. A., & Fowler, J. H. (2013). Born to lead? A twin design and genetic association study of leadership role occupancy. The Leadership Quarterly, 24(1), 45–60. https://doi.org/10.1016/j.leaqua.2012.08.001

  2. Song, Z., Li, W. D., Jin, X., Ying, J., Zhang, X., Song, Y., Li, H., & Fan, Q. (2022). Genetics, leadership position, and well-being: An investigation with a large-scale GWAS. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 119(12), e2114271119. https://doi.org/10.1073/pnas.2114271119

  3. Buckert, M., Kudielka, B. M., Reuter, M., & Fiebach, C. J. (2012). The COMT Val158Met polymorphism modulates working memory performance under acute stress. Psychoneuroendocrinology, 37(11), 1810–1821. https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2012.03.014

  4. Barnett, J. H., Scoriels, L., & Munafò, M. R. (2007). Meta-analysis of the cognitive effects of the catechol-O-methyltransferase gene Val158/108Met polymorphism. Biological Psychiatry, 64(2), 137–144. https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2008.01.005

  5. McDermott, R., Tingley, D., Cowden, J., Frazzetto, G., & Johnson, D. D. P. (2009). Monoamine oxidase A gene (MAOA) predicts behavioral aggression following provocation. Proceedings of the National Academy of Sciences, 106(7), 2118–2123. https://doi.org/10.1073/pnas.0808376106

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