Nach dem dritten Kaffee immer noch müde?
Der Wecker klingelt, und du bist schon müde, bevor der Tag überhaupt angefangen hat. Also der erste Kaffee. Dann der zweite. Nach dem dritten läuft es halbwegs, du funktionierst. Und dann kommt das Mittagessen, und eine Stunde später fällt die Wand: Die Augen werden schwer, die Gedanken zäh, und du greifst zur nächsten Tasse, weil du irgendwie durch den Nachmittag kommen musst.
Wenn du dich darin wiedererkennst, lohnt sich ein genauerer Blick. Denn der Kaffee ist nicht die Lösung deines Energieproblems, sondern ein Teil davon.
So entsteht Energie wirklich – in deinen Mitochondrien
Energie kannst du nicht trinken. Dein Körper stellt sie selbst her, in winzigen Kraftwerken in deinen Zellen: den Mitochondrien. Jede einzelne Zelle hat ein paar hundert davon, jede Gehirnzelle sogar Tausende. Dort wird aus dem, was du isst, und dem Sauerstoff, den du atmest, der eigentliche Energieträger deines Körpers gebaut: ATP. Das ist die Währung, in der dein Gehirn, dein Herz und deine Muskeln bezahlt werden.
Dieser Bau läuft aber nicht von allein. Deine Mitochondrien brauchen ausreichend Nährstoffe dafür: Eisen sitzt mitten in der Atmungskette und reicht die Elektronen weiter, ohne die am Ende kein ATP entsteht.[1] Die B-Vitamine schleusen den Brennstoff aus deinem Essen überhaupt erst in den Kreislauf, der die Energie liefert. Und L-Carnitin ist der Fährmann, der deine Fettsäuren durch die Mitochondrienmembran transportiert, damit sie dort verbrannt werden können. Fehlt eines dieser Teile, stockt die Produktion. Nicht dramatisch, nicht auf einmal. Aber spürbar.
Das ist der erste Grund, warum Kaffee an deiner Müdigkeit oft nichts ändert: Er liefert deinen Kraftwerken nicht die so dringen benötigten Nährstoffe.
Warum der Kaffee irgendwann nicht mehr hilft
Koffein macht dich übrigens gar nicht wach. Es blockiert nur dein Müdigkeitssignal.
Über den Tag sammelt sich in deinem Gehirn ein Stoff namens Adenosin an. Er ist dein Müdigkeitsmelder: Je mehr davon andockt, desto schläfriger wirst du. Koffein ist dem Adenosin chemisch so ähnlich, dass es sich auf dieselben Andockstellen setzt und das Signal blockiert.[2] Die Müdigkeit ist immer noch da. Du spürst sie nur eine Weile nicht.
Und wenn das Koffein nachlässt, kommen all die blockierten Signale auf einmal zurück. Das ist dein Nachmittagsabsturz, gegen den du dann die nächste Tasse trinkst.
Das funktioniert für eine Weile so. Aber trinkst du regelmäßig Kaffee, gewöhnt sich dein Gehirn daran und gleicht die Blockade aus.[3] Genau deshalb wirkt dieselbe Menge, die dich früher wach gemacht hat, irgendwann kaum noch. Du brauchst mehr für denselben Effekt.
Wie stark Koffein bei dir wirkt und wie lange es bleibt, ist außerdem zu einem guten Teil genetisch bestimmt. Rund 95 % baust du in der Leber über ein einziges Enzym ab: CYP1A2. Im Schnitt ist nach etwa fünf Stunden die Hälfte weg. „Im Schnitt" ist hier aber tückisch. Je nach Genvariante reicht diese Zeit von anderthalb bis zu neun Stunden.[2] Und ein guter Teil der Menschen mit europäischen Wurzeln baut Koffein langsam ab. Bei ihnen sitzt der Espresso von 14 Uhr abends noch aktiv im System, während sie einzuschlafen versuchen. Eine zweite Genvariante entscheidet obendrein, wie empfindlich dein Gehirn überhaupt auf Koffein reagiert. Zwei Frauen können also gleich schnell abbauen und trotzdem völlig unterschiedlich schlafen.[4] Lies dazu auch gerne den letzten Blogartikel, in dem ich darüber schrieb, warum Koffein so unterschiedlich wirkt.
Darum fehlt dir die Energie wirklich
Wenn nicht der fehlende Kaffee dein Problem ist, was dann? Meist sind es vier Dinge.
Da sind zuerst deine Nährstoffe. Fehlen deinen Mitochondrien Eisen, B-Vitamine oder andere Cofaktoren, produzieren sie weniger Energie, egal wie diszipliniert du bist. Außerdem kannst du auf dem Papier noch keinen Mangel haben, aber trotzdem nicht ausreichend versorgt sein: Ein Ferritin am unteren Rand der Referenzspanne beispielsweise gilt als „normal". Diese Referenzspanne ist aber nur der statistische Durchschnitt einer oft nicht gesunden Bevölkerung. Sie sagt nichts darüber, was für genau deinen Körper und dein Gehirn optimal ist. Normal heißt eben nicht optimal.
Dann deine Blutzucker-Achterbahn. Ein schnelles Mittagessen aus viel Weißmehl treibt deinen Blutzucker steil nach oben. Dein Körper schüttet Insulin aus, um ihn wieder einzufangen, und schießt dabei oft übers Ziel hinaus. Der Blutzucker fällt tiefer als vorher. Genau diesen Absturz spürst du als Nachmittagsloch: Du fühlst dich müde, gereizt, neben der Spur.
Dazu kommt dein Schlaf. Und hier schließt sich der Kreis zum Kaffee. In einer kontrollierten Studie störte Koffein den Schlaf messbar. Selbst dann, wenn es ganze sechs Stunden vor dem Zubettgehen eingenommen wurde.[5] Wer um 23 Uhr schlafen geht, ist mit der Tasse um 17 Uhr also nicht auf der sicheren Seite. Und schlechter Schlaf heißt am nächsten Morgen: mehr Kaffee. Ein Teufelskreis.
Und schließlich deine stillen Energieräuber. Eine chronisch-stille Entzündung, die du selbst gar nicht bemerkst, kostet deinen Körper dauerhaft Kraft. Ein Darm, der Nährstoffe schlecht aufnimmt, liefert deinen Mitochondrien weniger Nachschub. Und chronischer Stress hält dein Cortisol oben. Praktisch für den Moment, teuer auf Dauer.
Drei direkt anwendbare Tipps
Die gute Nachricht: An drei Stellen kannst du sofort ansetzen, ohne großes Programm.
Erstens dein Koffein. Am konsequentesten ist, es ganz wegzulassen. Und wenn dir das zu radikal ist, dann zumindest nach vorne verlegen, sodass du deine letzte Tasse spätestens am frühen Nachmittag trinkst. Du wirst merken, wie viel besser dein Schlaf plötzlich wird.
Zweitens dein Blutzucker. Iss zu jeder Mahlzeit genug Eiweiß und lass die „nackten" Kohlenhydrate weg, also das Brötchen allein oder das Stück Obst auf leeren Magen. So wird aus der Achterbahn eine ruhige Linie und das Nachmittagstief verliert seine Wucht.
Drittens deine Nährstoffe. Lass die Werte einmal richtig anschauen, die beim Hausarzt selten gemessen werden. Und zwar nicht nur gegen die breite Referenzspanne, sondern eingeordnet für deinen Körper.
Meine Empfehlung
Mach zuerst diese Basis. Für viele Frauen verschiebt sie schon spürbar etwas.
Und wenn du dann merkst, dass du das alles längst tust und trotzdem auf dem Zahnfleisch gehst, sitzt die Ursache tiefer. Dann lohnt der genaue Blick: auf deine individuellen Werte, und bei Bedarf auf deine Genetik, die dir zeigt, wie die Energiegewinnung in deinem Körper wirklich funktioniert. Datenbasiert, ohne Rätselraten.
Möchtest du wissen, was dir wirklich an die Energie geht? Lass uns unverbindlich sprechen:
Quellen
[1] Evstatiev R, Gasche C. Iron sensing and signalling. Gut. 2012;61(6):933–952. https://gut.bmj.com/content/61/6/933
[2] Institute of Medicine (US) Committee on Military Nutrition Research. Caffeine for the Sustainment of Mental Task Performance: Pharmacology of Caffeine. Washington (DC): National Academies Press; 2001. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK223808/
[3] Reichert CF, Deboer T, Landolt HP. Adenosine, caffeine, and sleep–wake regulation: state of the science and perspectives. Journal of Sleep Research. 2022;31(4):e13597. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jsr.13597
[4] Rétey JV, Adam M, Khatami R, et al. A Genetic Variation in the Adenosine A2A Receptor Gene (ADORA2A) Contributes to Individual Sensitivity to Caffeine Effects on Sleep. Clinical Pharmacology & Therapeutics. 2007;81(5):692–698. https://ascpt.onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1038/sj.clpt.6100102
[5] Drake C, Roehrs T, Shambroom J, Roth T. Caffeine Effects on Sleep Taken 0, 3, or 6 Hours before Going to Bed. Journal of Clinical Sleep Medicine. 2013;9(11):1195–1200. https://jcsm.aasm.org/doi/10.5664/jcsm.3170